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Karate Do: Der Weg der leeren Hand - Die Geschichte



Der Überlieferung nach unterrichtete der Mönch Boddhidarma im berühmten chinesischen Shaolin-Kloster die dortigen Mönche nicht nur in der Meditation des Zen, sondern auch in Kampfkünsten, die er in Indien kennen gelernt hatte. So entstand eine Kampfkunst, die man in China Chuan Fa oder auch Quan-fa (Methode der Faust) und in Japan Kempo, das chinesische Boxen, nannte. Diese Kampfkunst verbreitete sich nach und nach, vermischt mit anderen Kampfstilen, in ganz China und nahm später starken Einfluss auf das Okinawa-te (Technik aus Okinawa), eine im 10ten Jahrhundert entstandene waffenlose Kampfkunst. Karate-Do

Okinawa ist Teil einer heute zu Japan gehörenden Inselkette, die sich bis auf wenige hundert Kilometer an das chinesische Festland erstreckt. Von daher überrascht es nicht, dass gerade das Chinesische einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Inseln und somit auch das Quan-fa einen solchen auf die Entwicklung der dortigen Kampfkünste hatte.

Die ersten bekannten, aber noch vereinzelten Kontakte mit dem Kaiserreich China fanden etwa seit dem Jahr 300 statt. Im Laufe des 14ten Jahrhunderts wurden die Beziehungen zwischen Okinawa und China immer intensiver und damit kamen auch die ersten chinesischen Formen, eine Art Schattenkampf, des Quan-fa auf die Insel. Unter den Chinesen, die die Insel besuchten oder dort lebten, befanden sich etliche namhafte Experten der Kampfkünste.

Bis dahin wurde das Okinawa-te vorwiegend von Angehörigen des Adels geübt. Das einfache Volk übte die Selbstverteidigung mit alltäglichen Arbeitsgeräten und entwickelte daraus das Kobujutsu, das heutige Kobudo.

Den entscheidenden Impuls für die Entwicklung der Kampftechniken auf Okinawa gab im Jahr 1429 ein Erlass des amtierenden Königs Sho Hashi. In diesem verbot er jeglichen Besitz von Waffen. Sein Ziel war es, dadurch Rivalitäten der okinawanischen Gebietsfürsten zu verhindern. Diese hatten durch jahrelange Kriege untereinander und gegen das Königshaus die gesamte Insel in eine existenziell bedrohliche Lage gebracht. Die Wirkung des Erlasses war zunächst eine Beruhigung der Lage, jedoch war das Waffenverbot eine tiefe Demütigung für den Adel. Waffen zu tragen war damals ein reines Privileg des Adels und dadurch war es viel mehr als die bloße Möglichkeit, diese Waffen auch zu benutzen. Es war in erster Linie das sichtbare Symbol der Macht und Überlegenheit. Dieses Statussymbol war ihnen nun genommen und man kann sich gut vorstellen, dass die Lage auf Okinawa nicht lange ruhig blieb.

Die Übung der Kampfkünste, die zuvor schon weitgehend im Geheimen stattgefunden hatte, schottete sich noch weiter nach außen ab. Zugleich erlebte sie aber eine Blüte und Perfektionierung.

Nach Unruhen und Rivalitäten kam im Jahre 1477 ein neuer König an die Macht, der aber sofort erneut das Tragen von Waffen verbot. Er ging jedoch weit über das alte Verbot hinaus und ließ sämtliche Metallwaffen auf der Insel beschlagnahmen. Diese Entwaffnung des gesamten Volkes brachte den Kampfkünsten ihren bis dahin größten Aufschwung. Die Bauern verfeinerten das Kobujutsu und der Adel intensivierte die Verteidigung mit der leeren Hand. Zu dieser Zeit entstand eine Vielzahl verschiedener Stile des Okinawa-te.

Durch diese Ereignisse wird deutlich, dass die Entwicklung der Kampfkünste auf Okinawa eng mit der Politik der Inseln verknüpft war. Die stärksten Impulse zur Verbreitung und Intensivierung erhielt das Okinawa-te also, wenn man so will, von außen. Entweder durch den Einfluss fremder Kampfformen oder durch politische Einflussnahme. Dadurch wurde das Jahr 1609 zu einem der für die Geschichte der Insel und auch der Kampfkünste schicksalhaften.

Schon seit dem 12ten Jahrhundert hatte Japan ein Interesse an der Insel und seit 1451 war Okinawa Japan gegenüber tributpflichtig. Okinawa und die ganze Inselkette betrachteten sich nicht als japanisch und tun es in weiten Teilen vielleicht heute noch nicht. Sie sahen sich als selbstständiges Gebilde, mit ihrem König an der Spitze. Zwar mit fremden Einflüssen, aber unter eigener Herrschaft.

Aber 1609 erfolgte die Invasion durch den von der südjapanischen Insel Kyushu stammenden Samurai-Clan der Satsuma. (Die Satsuma schlugen übrigens 1877 die letzte Schlacht der Samurai. Idealisiert zu sehen im Film "Der letzte Samurai"). Im Zuge der Invasion wurde Okinawa besetzt und unterworfen und dies war das erste Mal, dass die Insel unter fremde Herrschaft fiel. Die Satsuma-Besatzer herrschten hart und grausam und einer der neu verkündeten Erlasse enthielt ein erneutes Waffenverbot.

Dadurch erfuhren die Kampfkünste erneut einen enormen Aufschwung. Verschiedene Schulen und Stile des Quan-fa und des Okinawa-te trafen sich im Geheimen, um eine gemeinsame Front gegen den japanischen Feind zu verabreden. Die Stile des Te und Quan-fa wurden zum so genannten Tôde (Technik Chinas) vereint. Die Meister der Kampfkunst organisierten den Widerstand gegen die Satsuma-Samurai. Dies war die Zeit, in der tödlich effektive Kampftechniken eingeführt wurden. Ebenso wurden unscheinbare und als Landwirtschaftsgeräte getarnte Waffen wie das Bo (Stock), Nunchaku (Würgehölzer) und das Tonfa (Schlagstock mit Knauf) entwickelt. Zu einem organisierten allgemeinen Aufstand kam es nicht, aber es gab ständig tätliche und auch tödliche Auseinandersetzungen.

Dadurch wird deutlich, dass Tôde oder Okinawa-te, der Ursprung des uns heute bekannten Karate, eine tatsächlich tödliche Kampfkunst war und der große Einfluss der chinesischen Kampfkünste war deutlich zu erkennen. Als Beispiel dafür steht die Karateform "Kushanku", die um 1760 vom chinesischen Gesandten gleichen Namens auf Okinawa gelehrt und bis heute überliefert wurde. Im Karatestil Shotokan ist sie unter dem Namen "Kanku-dai" weltweit bekannt.

Im 18ten Jahrhundert hatten sich - weiterhin im Geheimen - viele verschiedene Systeme und Konzepte entwickelt. Es etablierten sich, ohne genaue Grenzen zwischen ihnen ziehen zu können, zwei große Schulen: Shorin-ryu und Shorei-ryu (ryu = Stil), benannt nach den Orten ihres Ursprungs.

Schließlich wurde Okinawa 1871, in der Regierungszeit Kaiser Meijis, politisch voll an Japan angegliedert und 1879 wurde Meiji-Tenno zum alleinigen Herrscher der Insel ausgerufen. Die Erziehung und der Schulunterricht, von da an in japanischer Sprache, wurden sehr gefördert. Dies führte unter anderem dazu, dass es Meister Itosu, "der heiligen Faust" und einem der großen Meister der Kampfkunst, erlaubt wurde, im Jahre 1905 ein kämpferisch entschärftes Okinawa-te als offiziellen Bestandteil des Schulunterrichts einzuführen.

Sein langjähriger Schüler Gichin Funakoshi, der Begründer des modernen Karate, war schließlich der Mann, der das Okinawa-te nach Japan brachte. Dies war erstmalig im Jahr 1916 und das zweite Mal 1922. Um diese Zeit herum entstanden die heute bekanntesten und am meisten verbreiteten Stile des Karate:

Shotokan-ryu
Shito-ryu
Goju-ryu
Wado-ryu






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