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Meister Gichin Funakoshi - 船越義珍



Gichin Funakoshi

Gichin Funakoshi wurde am 10.11.1868 auf Okinawa als Sohn des Stockkampfexperten Gifu Funakoshi geboren. Er entstammt einer Samuraifamilie und erlernte das Okinawa-te schon als Grundschüler zunächst bei Meister Azato. Dieser war ein ranghoher Samurai und einer der herausragenden Kampfkünstler seiner Zeit, ein Meister des Karatestils Shuri-te. Meister Azato hatte nur wenige Privatschüler und damals war es üblich im Geheimen und nachts zu üben und es wurde immer und immer wieder eine Kata (Art des Schattenkampfes) geübt. Eine neue Kata wurde erst dann gelehrt, wenn der Schüler nach Meinung des Meisters die alte gut genug beherrschte. Dies konnte auch schon mal drei Jahre dauern!!

Funakoshi lernte von Meister Azato vermutlich vier oder fünf Kata. Eine Anzahl, die damals üblich war. Kaum ein Meister beherrschte mehr. Und dazu lernte er einen Stil, der sehr kämpferisch und stark zur Ausweichbewegung orientiert war. Ein Stil, dessen Art des Aufbaus der Techniken und der Umsetzung der Energie in Bewegung in keinem anderen Kampfstil in dieser Ausprägung vorkam.

Meister Azato machte Funakoshi mit Meister Itosu bekannt, bei dem er in den Folgejahren ebenfalls lernte. Auch Meister Itosu war ein ranghoher Samurai und in seiner Schule gab es, völlig untypisch für die damalige Zeit, ein Angebot von 23 Kata. Darunter einige wie Tekki, Bassai, Chinte, Jion und Kushanku (Kanku-dai), die sich über Meister Funakoshi bis heute überliefert haben. Itosus Karate lebte von starken Techniken und der Grundidee, dass Hände und Füße Waffen seien und der Körper jeden Schlag aushalten müsse.

Meister Itosu galt als unbesiegbarer Kämpfer, er wurde "die heilige Faust" genannt, und vielleicht konnte er es deshalb wagen, um 1900 das Tôde öffentlich zu lehren und zu verbreiten. Eine damals unerhörte Tat!

Er war es auch, der 1905 als erster Karate an einer öffentlichen Schule unterrichtete. Dazu schuf er einen Stil, der kämpferisch entschärft und in erster Linie gesundheitsfördernd war. Diese Herangehensweise war höchst erfolgreich und erhielt sehr viel Zuspruch. Damit erzwang Meister Itosu die Öffnung vieler bis dahin geheimer Stile.

Durch diese herausragenden Lehrer ausgebildet und durch seinen feinen Charakter bekannt, war Meister Funakoshi der ideale Botschafter des Okinawa-te, des Friedens und der Freundschaft. Somit wurde er von den Meistern Okinawas auserwählt, 1921 einer offiziellen Einladung des japanischen Kultusministeriums zu folgen, um das Okinawa-te bei einer großen Vorführung in der Hauptstadt Tokyo zu demonstrieren.

Karatedemonstration
Funakoshi demonstriert Karate

Zuvor hatte Meister Funakoshi bereits einmal 1916 eine Vorführung in der alten Kaiserstadt Kyoto durchgeführt. Dies war das erste Mal überhaupt, dass Okinawa-te auf japanischem Boden gezeigt wurde!

Zu dieser Zeit veränderte sich die Bezeichnung für das Okinawa-te oder Tôde in Karate. Dies bedeutete zunächst chinesische Hand. Später änderte Meister Funakoshi das Schriftzeichen für Kara in ein gleich ausgesprochenes, aber anders geschriebenes um, das leer bedeutet. Seit den 1920er Jahren bedeutet Karate-do also Weg der leeren Hand.

Die oben erwähnte Vorführung in Tokyo 1922 hatte entscheidende Bedeutung für die weitere Entwicklung und Verbreitung des Karate. Insbesondere, weil sich daraus eine lebenslange Freundschaft zwischen Funakoshi und dem großen Judomeister Jigoro Kano entwickelte. Meister Kano zeigte sehr viel Interesse am Karate und öffnete Funakoshi viele Türen in der japanischen Welt der Kampfkünste. Ohne Meister Kanos Zuspruch und Förderung wäre die nun folgende Entwicklung des Karate nicht möglich gewesen.

Nach Altem forschen heißt
Das Neue zu verstehen.
Dies ist
Eine Sache der Zeit.
Bewahre in allem
Klares Denken.
Der WEG:
Wer vermag ihn
Geradlinig und treu
Weiterzuführen?

Meister Funakoshi begann seinen Karateunterricht zunächst im Leseraum einer Studentenunterkunft, bevor sich die Möglichkeit ergab, an verschiedenen Tokyoter Universitäten Training anzubieten. Dieses Universitätstraining gab dem Karate die entscheidende Möglichkeit, sich zu verbreiten. Unter anderem ermöglichte es Meister Funakoshi 1936 sein eigenes Dojo (Übungsraum, wörtlich Ort des Weges), das "Shotokan" zu eröffnen. Es war nach seinem alten Künstlernamen als Dichter, Shoto (Pinienrauschen) benannt. Der Zusatz kan bedeutet Haus. Es war das erste Privatdojo Tokyos und hatte einen hervorragenden Ruf. In diesem Dojo trainierten viele der später legendären Karatemeister wie Nishiyama, Nakayama, Egami, Kase oder Hironishi.

Obwohl, wie oben erwähnt, Funakoshi lange Jahre bei Meister Azato lernte, ist es schwierig, dessen Einfluss in dem Karate zu erkennen, dass Funakoshi nach Japan brachte. Es wird vermutet, dass der Grund dafür sowohl in Funakoshis tief pazifistischer Einstellung als auch in der Jahrhunderte alten Feindschaft zwischen beiden Völkern zu finden ist. Über Hunderte von Jahren wurden die Kampfkünste vor den Japanern geheim gehalten. Und obwohl inzwischen eine deutliche Annäherung stattgefunden hatte, war sicherlich kein Okinawaner bereit, den japanischen Erzfeinden die Geheimnisse des Tôde zu offenbaren. Zumal in einer solch kampfbetonten Form, wie sie der Stil Meister Azatos zeigte. Vor diesem Hintergrund lehrte Meister Funakoshi in Japan den kämpferisch entschärften Stil seines Lehrers Itosu, den dieser in den Schulen Okinawas eingeführt hatte.

Es ergab sich aber auch der Wunsch der Schüler, sich im sportlichen Zweikampf, dem Kumite, zu messen. Eine Forderung, der Meister Funakoshi sehr zurückhaltend gegenüberstand. Nur widerwillig brachte er in seinen Unterricht Übungsformen des Kumite mit ein, denn nach wie vor war er überzeugt davon, dass das richtige Verständnis des Karate nur über das Üben der Kata erreicht werden konnte. Er wählte aus dem Shorin-ryu 15 Kata aus, die er für geeignet hielt, die Bandbreite des Karate darzustellen. Diese 15 Kata, nämlich

  • Heian Shodan bis Godan (1-5)
  • Tekki Shodan, Nidan und Sandan
  • Bassai-dai
  • Kanku-dai
  • Hangetsu
  • Empi
  • Jion
  • Jitte
  • Gankaku
bilden noch heute weltweit die Basis des Shotokan-Karate.

Meister Funakoshi schuf die Grundlage des Karate, so wie wir es heute kennen. Er beeinflusste dadurch die großen japanischen Stile und gilt zu recht als der Vater des modernen Karate. Sein Kampfstil wurde von seinem Sohn Yoshitaka weiter entwickelt und über dessen Schüler und insbesondere die Japan Karate Association (JKA) weltweit verbreitet.

Meister Funakoshi unterrichtete Karate bis weit über sein 85. Lebensjahr hinaus. Er starb im Jahr 1957 im hohen Alter von 89 in Tokyo.

Funakoshis Grab
Grab von Shihan Gichin Funakoshi



Funakoshi Yoshitaka



Yoshitaka Funakoshi leitete von 1938 bis 1945 als verantwortlicher Chefausbilder das Training im Shotokan-Dojo seines Vaters Gichin. Man kann annehmen, dass er, auf Grundlage der Arbeit seines Vaters, das Shotokan technisch zu dem machte, was es heute ist.

Wie oben erwähnt, lehrte Meister Funakoshi in Japan den kämpferisch entschärften Karatestil Itosus. In Yoshitakas Stilveränderungen findet sich aber das kämpferische Karate Meister Azatos wieder. Gichin Funakoshi schreibt in seinem Buch "Karate-do, Mein Weg", dass Yoshitaka als Kind Karate bei seinen Lehrern Azato und Itosu lernte. Zudem bei ihm selbst. Dadurch war Yoshitaka der kämpferische Azato-Stil bekannt und er ließ es wohl in sein Karate einfließen. Unter seiner Leitung wuchs der Anteil des Kumitetrainings und das Shotokan orientierte sich langsam in Richtung des Wettkampfs.

Aus alten Fotografien lässt sich ablesen, dass Yoshitakas Karate sehr stark und kraftvoll gewesen sein muss. Seine Stellungen waren tief und fest und sein Ausdruck stark. Die von ihm ausgeführten Techniken sind hervorragend. Er galt als herausragender Kämpfer. Unter seiner Führung etablierte sich das Karate endgültig in den Reihen der Kampfkünste Japans und aus den Reihen seiner Schüler gingen viele große Meister hervor.

Leider jedoch fielen durch die Umstände der Zeit auch dunkle Schatten auf das Shotokan. Es war die Zeit des japanischen Imperialismus und des Zweiten Weltkrieges. Alle Kampfkünste standen unter dem Druck, dem so genannten "Wohle Japans", sollte heißen dem Militär, dienlich zu sein. Yoshitaka war ein glühender Befürworter dieser Haltung und nur allzu gern bereit, das Karate dem Militär für dessen Zwecke zugänglich zu machen. Er ging soweit, dabei mitzuhelfen, militärische Spezialeinheiten gezielt auf ihren Kriegseinsatz vorzubereiten.

Es ist nicht anzunehmen, dass sein Vater dies wusste. Es hätte sich auch nicht mit dessen pazifistischer Grundeinstellung und seinem defensiven Verständnis von Karate-do vereinbaren lassen. Er war 1922 als Botschafter des Friedens und der Freundschaft gekommen und hatte zu diesem Zweck das Karate-do mitgebracht. Doch in den 1940er Jahren war Meister Funakoshi bereits über 70 Jahre alt und kaum noch im Shotokan-Dojo oder im aktiven Training. Somit konnte er auch keinen Einfluss auf diese Entwicklungen nehmen. Es ist diesem großen Mann zu wünschen, dass dieses dunkle Kapitel des Karate unbemerkt an ihm vorübergezogen ist.

Diesen dunklen Abschnitt der Geschichte nicht vergessend, verdankt das Shotokan Yoshitaka Funakoshi dennoch sehr viel. Er entwickelte es technisch und vom Kampfverständnis in die Richtung, die es bis heute genommen hat. Er ist der eigentliche Gründer des heute bekannten Shotokan-Stils.

Yoshitaka Funakoshi starb 1945 in Tokyo an Tuberkulose.







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